JA! Werbung: Unsere Sparpläne schmecken den Bürgern

„Worst of“ Wahl-Werbung 2013

Gleich vorweg: Ich möchte hier keine Werbespots politischer Parteien analysieren, auf Inhalte, Aussagen und Machart untersuchen oder dergleichen. Und das, obwohl sich hier filmisch-schauspielerische Perlen finden. Auch Wortspiele Marke „Qualwerbung“ wird es hier nicht geben – was den einen oder die andere vielleicht überraschen wird. Nein, heute, wenige Tage vor der Bundestagswahl, soll es darum gehen, was einige Unternehmen mit ihr für Schindluder betreiben. Mein persönliches „Worst of“ Werbung mit Wahlmotiven.

Platz 5 – You FM

Ganz gut angefangen hat noch der Jugendsender des Hessischen Runfunks „You FM“. Im August hatte der Guerilla-Werbung im Stil von Wahlplakaten gemacht. Darauf stand dann so etwas wie „Der Staat hört mit? Zu Recht!“ Das nimmt eine „damals“ hochaktuelle Debatte auf und bearbeitet sie kreativ und ansatzweise satirisch. Dieses vielversprechende Niveau kann You FM (bzw. die verantwortliche Agentur LukasLindemannRosinski) leider nicht halten. „Musik hören muss sich wieder lohnen“ ist schon wieder langweilige Phrase.

Platz 4 – Lofft

Was Frankfurt kann, kann Leipzig schon lange! Hier ist es allerdings kein Radiosender, der mit kleinformatigen Wahlplakaten wirbt, sondern das Theater Lofft. Zusätzlich zu den Sprüchen „Unser Theater kann mehr“ (schön, weil zweideutig) und „Gutes Theater statt teure Versprechen“ (recht gelungen, weil es die letztjährige Centraltheater-Debatte aufnimmt) setzt das Lofft noch Personen mit wichtigen Ämtern ins Bild (teilweise richtig schlecht freigestellt). Leider kommt auch Leipzigs freie Theaterbühne nicht ohne „Theater muss sich wieder lohnen“ aus.

Platz 3 – REWE „ja!“

„Unsere Sparpläne schmecken den Bürgern!“ oder „Die Wähler müssen den Preis zahlen. Den niedrigsten!“ – solche Sätze rufen uns gerade Ketchup-Flaschen oder Erbsendosen von den Plakatwänden entgegen. Es reicht mir schon, dass ich von der Marke selbst je nach Produkt aggressiv bis lasziv ange“ja!“t werde, jetzt will ich nicht auch noch pseudopolitische Botschaften von ihnen mitgeteilt bekommen. Den Spitzenplatz der „Worst of“ belebt REWE nur aus drei Gründen nicht. 1. Es gibt tatsächlich noch miesere Kampagnen, 2. REWE hat auf „Einkaufen muss sich wieder lohnen“ verzichtet und 3. mit der mittlerweile etwa drei Jahre alten Postkarte „Euro retten – täglich außer sonntags“ hat die Marke „ja!“ bei mir noch einen Stein im Brett. Als Grundregel muss an dieser Stellle mal festgehalten werden: Politischer Humor in Werbung? Ja, ABER…!

Platz 2 – L’tur

Der Last-Minute-Reiseanbieter L’Tur fordert Deutschland dazu auf, Urlaub zu wählen. Und liefert uns dabei wenig Neues. Wir sollen „unser Kreuzchen im Sand machen“ oder ohne Altersbeschränkungen am Pool gammeln (wobei das Wort „gammeln“ ja ursrünglich mal „alt werden“ bedeutet hat – aus etymologischer Sicht ist diese Forderung also hinfällig, aber wir wollen ja nicht klugscheißen). Langweilig, mit Bildern, die mich nicht besonders ansprechen und optisch von Piraten und Grünen abgekupfert – hätte man sich sparen können.

 Platz 1 – Haribo

Wer hat nicht schon einmal mit Gummibärchen eine Wahl nachgestellt? Vermutlich einige. Ich allerdings schon. Hand in die Tüte, einen Klumpen rausholen und auszählen. Ersatunlicherweise hatte immer Rot-Grün eine deutliche Mehrheit. Ich habe das, zu meiner Ehrenrettung, das letzte Mal getan, als ich 15 war – zur Bundestagswahl 2005. Thomas Gottschalk tut das heute, im Alter von 63. Und das auch noch deutlich unproduktiver als ich damals: Er bedient den klassischen Vorwurf, die Politiker würden nur rumlabern. Miese Wortspiele gepaart mit einem wertvollen Beitrag zur Verringerung der Wahlbeteiligung bescheren Haribo meinen persönlichen Titel als schlechteste Wahlwerbung 2013

Nachwort

Vielleicht hat hier jemand die „Yes, weiss can“-Kampagne für die „Ferrero Küsschen“ vermisst. Die läuft bei mir außer Konkurrenz und bekommt einen Zweifelhaften-Ehren-Preis. Viel besser als ich kann aber Friedrich Küppersbusch die ganze Wahlwerbethematik verarbeiten – in seinem Tagesschaum. Dem habe ich dann nichts mehr hinzuzufügen.